Großes Format im kleinen
11 mal 11 cm, das ist kleiner als das Booklet einer CD, kleiner als eine Postkarte, gerade mal so groß, dass es bequem auf die Hand passt. Beinahe ein Kassiber¹. Wer sich als Künstler oder Literat auf solch ein Format einlässt, kann sich nicht in Weitschweifigkeit ergehen, geschweige denn monumental auftrumpfen. Da bleiben eigentlich nur zwei Möglichkeiten: entweder mit dem Fragment, dem beredten Teilstück, auf das große Ganze da draußen zu verweisen oder mit dem Konzentrat die „Welt in einer Nussschale“ zu geben. – Eine dritte wäre, den Blick auf die Totale total zu verweigern und lediglich einen lieben Gruß zu senden. Als Lebenszeichen. Aber wer will schon bloß dabei sein und weiter nichts, wenn drum herum die Blüten blühen und wetteifern! Um Aufmerksamkeit natürlich. Der Teilnehmerkreis ist erlesen. Zirka vierzig, teils namhafte, teils noch weniger bekannte Autoren der visuellen Poesie aus dem deutschen Sprachraum und darüber hinaus sind jedes Mal persönlich eingeladen, eine „miniature obscure“ abzuliefern, die dann in einer Auflage von 88 Exemplaren, originell verpackt in einer „Schachtel“ als Objektzeitschrift erscheint, fast jährlich – und mittlerweile zum elften Mal, was ein angemessen rundes Jubiläum ist und Grund genug, museal zu werden. Das Gellert-Museum Hainichen präsentierte vom 25. Januar bis zum 4. Mai 2008 alle Ausgaben der von 1991 bis 2007 von Cornelia Ahnert, Lichtenau, und Gerhild Ebel, Halle und Berlin, herausgegebenen „zeitschrift für experimentelle literatur und kunst“, inklusive der Sonderausgabe Nr. 10, die ausnahmsweise im Format 33 mal 33 cm erschien.
Die Herausgeberinnen kennen sich seit Ende der achtziger Jahre, als Cornelia Ahnert an der Burg Giebichenstein, Halle, Handeinbandgestaltung studierte. Gerhild Ebel, geborene Hallenserin, absolvierte damals gerade ihr Studium der Phytopathologie (das ist die Wissenschaft von den Pflanzenkrankheiten und -schädlingen) und gehörte zum Kreis um den chilenischen Künstler Guillermo Deisler, der seit 1986 bis zu seinem Tod 1995 in Halle lebte und äußerst umtriebig als Bühnenbildner, Grafiker, Mail Artist, Herausgeber von Kunstbüchern und Kurator von Ausstellungen der visuellen Poesie tätig war. Der Netzwerk-Gedanke, aber auch ästhetische Maßstäbe Deislers hatten Anteil am Entstehen von „miniature obscure“.
Es gibt einen „rotierenden“ Teilnehmerkreis, der sich aus Bekannten und Bekannten von Bekannten zusammensetzt. Im Lauf der Zeit hat er sich erweitert. Zu Beginn jeder Ausgabe einigt sich die Zwei-Frauen-Redaktion auf ein Thema: ein Wort. Mehr nicht. Die Zusendungen sind entsprechend vielfältig. Offenheit ist Prinzip. Die Blätter sind lose. Ein Zettelkasten. Ein Kartenspiel. Man kann die Reihenfolge und das „layout“ – durch Auslegen auf dem Tisch beispielsweise – selbst bestimmen. Vorworte und Inhaltsverzeichnisse gibt es nicht. Lediglich die alphabetische Liste der Beteiligten und das Impressum. So ist Gleichberechtigung hergestellt. Am Ende fasst der Einband, der immer einen originellen gedanklichen Bezug zum Thema, aber auch zum Konvolut selbst hat, das Bündel zusammen. Mal ist es ein Würfel, mal war’s ein Hamsterrad, mal eine Doppelbox zum Thema „Dialog“, mal ein Kasten. Das Obskure – nennen wir’s: das Geheimnisvolle – beginnt schon beim Betrachten dieser äußeren Schale.
Die Zeitschrift hat Käufer und Abonnenten – auch unter den wichtigen Museen und Sammlungen in Deutschland, Europa und den USA, darunter das Deutsche Literaturarchiv, Marbach, das Centre Pompidou, Paris, das Victoria & Albert Museum, London und das Museum of Modern Art, New York. Im Jahr 2001 erhielten die Herausgeberinnen den V.O.Stomps-Preis der Stadt Mainz verliehen.
Hans Brinkmann
¹ = Geheimbotschaften
25. Januar bis 4. Mai 2008
»11 x 11. miniature obscure. zeitschrift für experimentelle literatur und kunst«
herausgegeben von Cornelia Ahnert, Lichtenau, und Gerhild Ebel, Halle/Berlin
Die Eröffnung der Ausstellung findet am 25. Januar 2008, 20 Uhr mit einer Einführung von Hans Brinkmann, Chemnitz statt.
Gellert-Museum Hainichen, Oederaner Straße 10, 09661 Hainichen,
Telefon 037207-2498, Telefax 037207-65450,
info@gellert-museum.de, www.gellert-museum.de
Geöffnet sonntags bis donnerstags 13 bis 17 Uhr, außer Himmelfahrt.
Führungen und Sonderveranstaltungen für Klassen außerhalb der Öffnungszeiten auf Vereinbarung.






